Einführung in die Sozialarbeit I: Vorstellung

Während der Vorbereitungs- zeit für ihr “Kinderhaus” in Berlin-Friedrichshain hat die Diaphora-Gesellschaft für neue Erziehung in den Jahren 1993-94 ein ambitio- niertes Berufsbildungspro- gramm durchgeführt, um Pädagogen aus der frühe- ren DDR an das bundes- deutsche System der Kinder- und Sozialhilfe heran zu führen. Zugleich diente es als ein sog. ‘Brückenkurs’, der sie auf die erforderlichen Zusatzprüfungen vorbereiten sollte. Im folgenden ist der Einleitungsbeitrag wieder- gegeben, der den gesamten Kursus eröffnet hat.


I. Vorstellung

Zunächst darf ich den Veranstalter vorstellen: die Diaphora-Gesellschaft für neue Erziehung mbH wurde 1990 gegründet zum Zweck, einen neuen Typus von sozialer Gemeinschaftseinrichtung in die Welt zusetzen, die wir Kinderhaus getauft haben.

Wir fassen das ‚Kinderhaus’ auf als Exempel, einer neuen Auffassung von Sinn, Zweck und Methoden der Sozialarbeit. ‘Neu’ aber bitte nicht in dem Sinne zu verstehen, daß wir sie uns selber ausgedacht und erfunden hätten! Sondern neu in dem Sinne, daß wir beanspruchen, die tatsächlichen Entwicklungen der Sozialarbeit in den letzten Jahrzehnten – sowohl in praktischer als in gedanklicher Hinsicht – “auf den Punkt gebracht” und (dies allerdings erstmalig, wie wir meinen) zur systematischen Grundlage eines praktischen Vorhabens gemacht zu haben.

Was qualifiziert mich dazu, eine Einführung in diesen Fortbildungskurs – und damit in das Fach Sozial- arbeit/Sozialpädagogik – zu geben?

Ich habe in dem Beruf fast genauso angefangen wie Sie jetzt: 1972 als “reiner Praktiker“, fast Amateur, mit einem zufälligen (oder wahlverwandtschaftli-chen?) Augenmerk auf das in der Berliner Jugendverwaltung so genannte  ”Lücke”-Alter. Damals wurde es zwar noch nicht so genannt, es ist mir aber schon aufgefallen, dass da was Besonderes dran sein muss: die Kollegen haben immer irgendwie miteinander darum konkurriert, wer bei den Kindern am meisten ins Gewicht fällt, aber mit mir kon- kurrierte kaum einer. Warum? Weil ich mich an einen “Typus” – und bald merkte ich: eine Altersgruppe hielt, mit der die meisten andern gar nicht so gern zu tun haben wollten: “die Großen” (sagten die einen); oder “sind ja noch Kinder” (sagten die andern)…

Ich habe schließlich, nach sechs Jahren Berufspraxis, ein ‚Externendiplom’ erworben – eine Extremvariante von “berufsbegleitend”. Ich bin also in meinem Fach ein reiner Praktiker.

Gegenüber “der Theorie” habe ich immer viele Vorbehalte gehabt (habe sie immer noch, aber nicht mehr ganz aus denselben Gründen). Damals bestand der Vorbehalt aus einer eigentümlichen Mischung aus Geringschätzung und Scheu:

Geringschätzung, weil ich den Eindruck hatte: viele pompöse Wörter werden mit wichtiger Miene vorgetragen, aber offenbar von dürftigem begrifflichen Gehalt, denn ihre Verwendung schien mir teils willkürlich, teils unsicher.

Scheu insofern, als ich oft das Gefühl hatte, als einer vom Fach müsste ich eigentlich wissen, was jeweils damit gemeint ist. Es kam mir aber vor wie ein unsauberes Kuddelmuddel, und ich wusste oft ganz und gar nicht, wovon die Rede war.

Wenn man aber dann doch mal nachbohrte, kamen hinter den aufgeblasenen Vokabeln oft unerhörte Banalitäten zum Vorschein, so dass ich mir sagte: Die haben gar keine Theorie, die tun nur so, um sich neben den andern Fächern nicht schämen zu müssen. ‚In Wahrheit liegt in der Sozialarbeit alles flach auf der Hand: Worin die Aufgaben bestehen, “zeigt sich” unmittelbar und anschaulich; da ist alles aktuell und konkret, zu begrifflichen Verallgemeinerungen und abstrahierender Reflexion taugt das alles gar nicht, dafür ist es viel zu dünn.’

Außerdem hatte ich gar nicht den bescheidenen Ehrgeiz, mich als “Sozialarbeiter” verstehen zu wollen. Ich wollte – für ein, zwei Jahre – “mit Kindern was machen”, das war alles. Und mir schien, daß die berufsstolzen Kollegen, die sich so viel auf ihre Professio- nalität zugute hiel- ten, es im Grunde gar nicht anders hielten als ich: Im Berufsalltag lebten sie von der Hand in den Mund, nur an Sonn- und Feiertagen, d.h. bei Tagungen, Kongressen, Seminaren, prahlten sie voreinander mit griechischen, lateinischen oder auch bloß englischen Fremdwörtern – je nachdem, was in der jeweiligen Saison gerade letzter Schrei war.

Warum erzähle ich Ihnen das alles?

Weil ich mir vorstellen könnte, daß es dem einen oder der andern unter Ihnen mit der Sozialarbeit heute nicht viel anders geht.

Auch ich bin immer noch der Meinung, daß mein damaliger Eindruck gar nicht so falsch war.

Nur meine ich inzwischen, er reicht nicht aus, um die Frage zu entscheiden, wie weit man für die Praxis der Sozialarbeit eine… wissenschaftliche Ausbildung braucht! Denn es ist nicht so sehr die Frage, ob die Praxis der Sozialarbeit eine Theorie begründen kann, d. h. ob sie selber bedeutend und allgemein genug ist, um begriffliche Verallgemeinerungen tragen und ertragen zu können, und das womöglich noch mit wissenschaftlichem Anspruch.

Sondern das Problem ist vielmehr: Welche persönlichen Qualitäten braucht der Sozialarbeiter, um seinem Beruf auf die Dauer gewachsen zu bleiben?

Nach über zwanzig Jahren meine ich heute: Dazu gehört eine strenge Disziplin der Selbstreflexion. Die aber setzt Begriffe voraus.

~ von Panther Ray - September 20, 2008.

3 Antworten to “Einführung in die Sozialarbeit I: Vorstellung”

  1. Das verstehe ich nicht ganz.
    Ich meine zur Sozialarbeit wie zu anderen sozialen Berufen gehört eine Leidenschaft, das Leiden der Menschen wenn schon nicht abzuschaffen aber doch zu mindestens doch zu erleichtern helfen.

    Ab dem Moment, wo der Sozialarbeiter weiß, dass er ein ganz persönliches und ihn zutiefst befriedigendes Interesse an der Verbesserung von Lebensumständen hat, wird er jede Gelegenheit und jede Person die ihm in die Quere kommt dahingehend versuchen zu beeinflussen. So kann eine fruchtbare und partnerschaftliche Beziehung zwischen zwei Menschen entstehen und die sogenannte professionelle und Klienten orientierte Haltung verändert sich in ein lebendiges Geben und Nehmen.
    Das persönliche Angebot, war in meiner Arbeit mit kath.Jugendlichen ein Begriff, der mich sehr geprägt hat. Ich habe nur nicht gemerkt, dass die Kollegen dies selber nicht so streng wie ich selber gesehen haben. So wurde ich oft gemobbt und übersehen.
    Ein Kommilitone sagte mir mal quf einem Semstertreffen:“Es braucht lange, bis man merkt man ist selber das Werkzeug.“

    Gute Sozialarbeit setzt also voraus, gute Persönlichkeiten zu entwickeln. Das heißt aber erst einmal zu erkennen, was macht eine Persönlichkeit aus.

  2. Dass es in der Pädagogik nur nebenher auf das (methodische, institutionelle) Wie, sondern auf das Was… – aber ganz besonders auf’s Wer ankommt, habe ich an anderer Stelle ausgeführt: http://ebmeierjochen.wordpress.com/2008/09/15/leviathan-bei-den-kleinen-vii-das-wie-das-was-und-die-were/. Für die Sozialarbeit gilt das ebenso – es sind mehr persönliche Qualitäten erforderlich als erlernte Theorien und schlaue Methoden.

    Das bedeutet aber ganz und gar nicht, dass der Sozialarbeiter mit sich zufrieden sein darf, sobald er nur meint, „ganz er selbst“ gewesen zu sein und „mit ganzem Herzen gehandelt“ zu haben.

    Warum nicht? Na – er kann sich in der Sache geirrt haben. Eine ‚Sache‘ ist nämlich zuerst einmal im Spiel, über die muss er sich klar geworden sein. Erst dann darf er „die Beziehungen spielen lassen“.

    Und warum nun wiederum dies? Na – wenn er beides nicht unterscheiden und gegeneinander abwägen kann, kann er weder wissen, was er wirklich will, noch – folglich – wissen, WESSEN „Werkzeug“ er ist, und schon gar nicht, zu welchem ZWECK.

    Der Ort, an dem diese REFLEXION zu geschehen hat, ist nicht die unmittelbare Begegnung mit den ‚Klienten‘ (in der er sich schon auf seine Intuition verlassen können muss), sondern die „Besprechung“ – nur dazu taugt sie nämlich. Mir waren immer die Kolleg(inn)en, die sich vor den Besprechungen drücken, noch etwas suspekter als die, die gar nicht genug davon bekommen können.

  3. Ich habe jetzt mal eben weiter geklickt bei Dir und bin ganz davon angetan auf welche einen Schatz ich hier gestoßen bin.

    Das kann ich nicht alles auf einmal lesen und schon gar nicht verstehen. Es ist enorm welche Gedanken Du Dir gemacht hast und viele scheinen genau meine Fragen und Antworten zu treffen.

    In meinem Systemnetz, in dem ich groß geworden
    bin, war Persönlichkeit nicht gefragt. Sie wurde tatsächlich und mit Worten klein gemacht und klein gehalten. Mit diesen scheinbar übermächtigen Kräften habe ich immer noch zu kämpfen. Die Tatsache, dass wir miteinander in Kontakt gekommen sind bedeutet für mich ein enormer Fortschritt aus diesem emotionalen und geistigen Gefängnis.

    Mit der Bibel, Märchen, Gespenstergeschichten und Geschichten aus dem 2.Weltkrieg groß geworden, habe ich mir als Kind schon zwei wichtige Fragen gestellt: „Wieso, wenn der liebe Heiland so lieb war, wieso wurde er dann gekreuzigt. Warum hat sich Pilatus die Hände in Unschuld gewaschen? Warum haben meine Eltern und Großeltern sich als „gute Christen“ nicht entschiedener gegen das Unrechtsregime der Nazis gewehrt? Warum warten sie nicht beim deutschen Widerstand?

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