Einführung in die Sozialarbeit VI: Geschichte


1) Arme, Kranke, Invalide, Witwen und Waisen, die zu schwach sind, ihren Lebensunterhalt selbst zu erarbeiten, hat es immer gegeben. Hat es darum „Soziale Arbeit“ auch „schon immer gegeben“?

Reden wir hier nur von Mitteleuropa. Hier bestand im Mittelalter eine Agrargesellschaft, die sich teils aus Einzelhöfen, teils aus Dörfern mit wenigen Haushalten zusammensetzte. Ob nun die einzelnen Haushalte das Leiden der Elenden mit ansehen oder sich zu helfen berufen fühlen, liegt an ihrer Abhärtung (durch eignes oder fremdes Leiden). Man kann die Armen auch aus dem Dorf jagen: dann muss man weder helfen, noch das Leid mitansehen. Die Kirche gebietet Nächstenliebe, aber erzwingen kann sie sie nicht.

Armenpflege als öffentliche Aufgabe ist ein städtisches Problem! Wo viele Menschen in einem Gemeinwesen zu- sammenleben, d. h. so, dass sie sich in der einen oder andern Hinsicht auf einander ange- wiesen fühlen. Die ersten Städtegrün- dungen des Mit- telalters beruhten auf eidgenössischen Grundlagen: Schutz und Trutz gegen die Feudalen, und so können sie diejenigen unter ihnen, die in Not geraten, nicht ignorieren. (Aber die Notleidenden aus der Fremde, die Ehrlosen, die keinem Stand angehören und bei ihnen Unterschlupf suchen, können sie aus der Stadt treiben.) In diesen Gemeinwesen lebt keiner wirklich privat. Wer dazugehört, gehört ipso facto zu einer bestimmten Korporation; für die „Witwen und Waisen“ zu sorgen, ist Sache der ‚familia’ = oikos; und wenn die ausfällt, ist es Sache der Zünfte und Gilden. Es ist eine Ständegesellschaft.

Das 13. und 14. Jahrhundert erlebten dann eine explo- sionsartige Zunahme der elenden Fremden in den mittelalterlichen Städten. Sie kor- respondiert mit dem Ende der „Landnahme“, der Inbesitznahme und Urbarmachung, aber auch der Feudalisierung der noch freien Böden. Mönchs- u. v. a. Nonnenorden siedeln sich in den Städten an (Beginen am Rhein, im Zusammenhang mit der deutschen mystischen Volksbewegung). Es entstehen Spitäler (Hôtel-Dieu: ‚Gottes Herberge’). Markantestes Phänomen der sozialen Umwälzung ist das Bettlerkönigreich in Paris, la cour des miracles, während des Hundertjährigen Krieges 1340-1450. Es folgt die Schwarze Pest in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts, soziale Unruhen in den Städten und Bauernaufstände. (Eine noch nicht recht erforschte Rolle spielte der Klima-Wechsel  in Mitteleuropa.)

2) Das Ergenis ist Auflösung der Ständegesellschaft und Bildung eines ‚Proletariats‘ aus den Zerfallsprodukten aller Stände. Namentlich die vom Boden vertriebenen Bauern (vgl. „ursprüngliche Akkumulation“), strömen, brotlos geworden, in die Städte. Es entsteht die Klassengesellschaft. Nicht, zu wem und wo zu ich gehöre, zählt nun, sondern nur: was ich zu tauschen habe. An die Stelle der Spitäler treten nun die Armenhäuser: durchaus nicht, um die Siechen und Elenden „mit dem Nötigsten zu versorgen“, sondern im Gegenteil, um die Armen vom Müßiggang abzuschrecken und zur Arbeit zu zwingen. Die wachsende Masse der Armen wurde zur Bedrohung für den Bestand der übrigen Gesellschaft. Man musste das Elend eindämmen und unter Kontrolle bringen.

3) Im zwanzigsten Jahrhundert, namentlich nach dem Ersten Weltkrieg, setzt sich in Europa (nicht in Amerika!) die Vorstellung durch, dass das Gemeinwesen selbst aufgerufen sei, die Bedingungen zu schaffen, daß „seine schwächsten Glieder“ instandgesetzt werden, für sich selbst zu sorgen. Es ist die Idee des Sozialstaats, der wohlbemerkt nicht nur eine Frucht der Arbeit- erbewegung ist, sondern ebenso ein Erzeugnis bür- gerlicher Reform- bewegungen, wie des Wandervogels und der ganzen ‚Jugendbewegung’, Lebensreform, Volksgemeinschaft, Ras- sehygiene…

4) War der alte, obrigkeitliche Klassenstaat nur-repressiv, kann der der Sozialstaat  seinerseits totalitär werden !

Wenn wir rückblickend alle Einrichtungen und Tätigkeiten überblicken, die man irgendwie als Armenhilfe oder Wohlfahrtspflege bezeichnen könnte, können wir vier Paradigmen unterscheiden:

1) Sorge – um den Nächsten (Versorgung, Fürsorge): Caritas

2) unschädlich machen (dressieren, isolieren, betäuben, aus- merzen): Polizey(Solange Polizei mit y geschrieben wurde, verstand man darunter nicht nur ein gewisses uniformiertes Be- amtenkorps, son- dern alle auf Ordnung und innere Sicherheit des Gemeinwesens gerichteten Strebungen und Maßnahmen…)

3) ‚Re’-Habilitierung, Befähigung zur Teilnahme (Pädagogik!! Anleiten, umlernen, verändern, verbessern, führen, „Defizite kompensieren“): Sozialarbeit. (Ich Schlage vor, von „Sozialarbeit“ immer erst dort zu sprechen, wo der Gesichtspunkt der Re-Habilitierung im Vordergrund steht.)

4) Weltverbesserung (die Menschen verändern, damit die Welt sich ändert): Gesellschaftsreform, Erziehungsdiktatur…

(Es gibt, übergreifend über die vier Paradigmen, eine ‚transversale‘ persönliche Haltung, die man Philanthropismus nennen kann: „Gutes tun!“ Dahinter steckt der nicht uneitle Gestus ‚Ich als Wohltäter’, und das ist ein Dauerproblem der Helfenden Berufe: die Konkurrenz von Sachbezug und Selbstbezug! {Philanthropismus als polizeyliche Methode, evtl. wider Willen: Mary Richmond, vgl. Müller, Bd. II, S. 88!}

Alle diese vier Paradigmen haben eine Grundannahme – „Selbstverständlichkeit“! – gemeinsam: daß „das Gemein- wesen“ eine moralische Realität ist, nämlich ein willensfähiges Subjekt, das Normen setzt. Denn nur so kann man das Leiden als mehr verstehen denn eben als Leiden: nämlich als Mangel, als Defizit, als Nicht-Genügen, als Versagen vor einer Norm – die folglich wiederhergestellt werden muss! Armenhilfe, Wohlfahrtspflege, Sozialarbeit verstehen sich als ausnahmsweise Notmaßregel, um einen gebotenen, aber beschädigten Soll-Zustand zu restaurieren; um die verletzte Regel neu geltend zu machen. Gesetzt ist: eine gültige Ordnung, in die die Menschen zu fügen sind. (Notabene: Wer Sozialarbeit betreibt, ‚um die Welt zu verändern‘, will eine andere Ordnung geltend machen: Die Menschen sollen sich heute in die Ordnung von morgen… fügen.)

Ich glaube, dass die (rückblickende) Identifizierung und damit die Unterscheidung der vier Paradigmen erst heute möglich geworden ist, weil sie alle vier – obsolet geworden sind.

Differenzierung, Individualisierung, Pluralisierung, Informalisierung: so lauten die besonderen Merkmale der bürgerlichen Gesellschaft am Ende des Jahrtausends. Was die Regel ist und was die Ausnahme, wo die Ordnung aufhört und die Unordnung anfängt… ist nicht mehr sicher und versteht sich nicht mehr von selbst: „Eines schickt sich nicht für alle; schaue jeder, wie er’s treibe. Schaue jeder, wo er bleibe – und wer steht, dass er nicht falle.“ ( Goethe ) – Jeder lebt ‚auf eigne Faust‘: Die neomoderne, neobürgerliche Gesellschaft hat die Menschen zur Freiheit verurteilt.

Helfende Beratung wird heute zu einer regulären Dienstleistung: Das Leben ist unübersichtlich geworden, und wer den Rat eines Experten in Anspruch nimmt, definiert sich dadurch nicht als „defizitär“, sondern als einer, der alle vorhandenen Ressourcen zu nutzen weiß. Er ist heute der Normale, und nicht mehr ‚Klient‘* oder ‚Randgruppe‘. Zu einem besonderen Problem der Sozialarbeit werden nunmehr die, die gar nicht merken, dass sie Hilfe brauchen, oder nicht mehr hoffen, Hilfe zu finden. Sie muß die Sozialarbeit auf ihre „Angebote“ aufmerksam machen, indem sie markante ‚Zeichen setzt’.

Es handelt sich um eine säkulare soziale Entwicklung: weg von den gemeinschafts-förmigen Angehörigkeits- und Sozialisations-Strukturen (in die man „hinein“-wächst und an die  man „heran“-wächst) hin zu öffentlichen Vermittlungs-Agenturen (die einem sagen, wo’s lang geht, sofern man weiß, wo man hin will.) Es ist der Weg vom Ordnungsdienst zur Helfenden Beratung.

Und das ist die „Tendenz“ von Diaphora!

Jochen Ebmeier, 5. Mai 1993

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*) lat. cliens heißt: ‚der Liegende’

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~ von Panther Ray - September 24, 2008.

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