Dem Unfug Raum geben

Motto:

Seht das Kind umgrunzt von Schweinen,

hilflos, mit verkrümmten Zehn.

Weinen kann es, nichts als weinen –

Lernt es jemals stehn und gehn?

Unverzagt! Bald, sollt ich meinen,

könnt das Kind ihr tanzen sehn!

Steht es erst auf beiden Beinen,

wirds auch auf dem Kopfe stehn.

Friedrich Nietzsche

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aus: Sozialmagazin 5/92 (Mai) _________________________________________________________________________________________________________________________________________________________________

Dem Unfug Raum geben

Memorandum zum Landesjugendplan für Berlin

Der Kinderring Berlin e.V. befürwortet eine gründliche Umorientierung der Kinder- und Jugendpolitik in Berlin und in Deutschland. Erforderlich ist ein radikaler Perspektivenwechsel.

Es muss gebrochen werden mit der Gewohnheit, Kindheit immer in erster Linie unterm Gesichtspunkt notweniger Betreuung zu sehen – so als ob Kinder besonders zerbrechlich und dem Leben besonders schutzlos ausgeliefert wären. Diese Einstellung entspricht nicht den Bedürfnissen der Kinder, sondern denen der Pädagogen.

Es muss gebrochen werden mit der Gewohnheit, Kinder immer unterm Gesichtspunkt notweniger Erziehung zu sehen – so als ob Kindheit nur eine unvollständige, mangelhafte und verkehrte Version des Erwachsenseins wäre, die man gar nicht schnell genug „überwinden“ kann. Diese Einstellung entspricht weder den Interessen der Kinder noch denen der Erwachsenen, die sie einmal sein werden; sondern wider nur denen der Pädagogen.

Es muss gebrochen werden mit der Gewohnheit, ‚Sozialisation’ immer so aufzufassen, als bedürfte sie besonderer (professioneller) Sozialisations- techniker, und als hätte Kinder nicht ihre eigenen Wege und ihren eigenen Wunsch, sich mit einander zu vergesellschaften. Diese Einstellung hat dazu geführt, dass die erwerbsmäßigen Pädagogen Jahrzehnte lang die eigenen Sozialisationsformen der Kinder nicht nur ignoriert und missachtet, sondern die real immer wieder neu erwachsene Kindergesellschaft überall dort, wo sie sich behaupten konnte, für sich ausgeschlachtet oder bekämpft haben.

Wir meinen, dass Kindheit ein eigener Lebensabschnitt ist mit eigener Würde und mit eigenem Verdienst, der sich vor den andern Lebensaltern nicht erst rechtfertigen muss, indem er sich ihnen als Verdienstquelle darbietet.

Kindheit ist nicht ‚gefährdete Existenz’, die von den Fährnissen einer schlechten Welt abgeschirmt und ferngehalten werden muss, sondern – als erstes Kapitel im Lebensroman eines jeden – eine besonders lebendige Existenz, die mitten hinein gehört in die Welt, um sie vorm Einschlafen zu bewahren: Wir alle haben als Erwachsene unvergleichlich mehr von dem, was wir als Kinder erlebt, als von dem, was wir als Kinder gelernt haben.

Kindheit ist die Zeit, wo sich ein jeder der Vorrat an Unternehmungsgeist, Tatendrang und Zivilcourage zulegen muss, von dem er dann ein ganzes erwachsenes Leben lang zehrt. Aufgabe der Politik in einem Gemeinwesen, das auf selbständige Staatsbürger angewiesen ist, muss es darum sein, die Räume zu verteidigen und auszuweiten, in denen die Kindergesellschaft sich entfalten kann. Es gilt Raum zu schaffen, wo öffentlich Unfug geschehen kann, nämlich solche Dinge, die sich in die in unserer Erwerbsgesellschaft gültige Logik von Nutzen und Verwertung nicht einfügen, weil sie – „noch“ – einer anderen Logik folgen: einer Logik, wo die Sachen um ihrer selbst willen da sind. Diese Logik ist, wohl bemerkt, nicht ‚richtiger’ als die der Erwachsenen; aber eben auch nicht ‚falscher’.

Das bedeutet sicher nicht, dass die inzwischen eingerichteten Kinder-Nischen alle wieder dicht gemacht werden müssten; denn solange es gewiss nicht all zu viele davon gibt, sind sie immer noch besser als gar nichts. Nur muss auch hier die Perspektive eine radikal andere werden: nicht geschützte Sozialisier-Werkstatt, sondern Treffpunkt und Drehscheibe; Kristallisa- tionspunkt der Kindergesellschaft und Sprungbrett in die Welt. Es geht auch nicht darum, dass an den öffentlichen Plätzen dieser Stadt weitere Kindermöbel aufgestellt werden. Es geht darum, dass Kinder sich in der Einen Welt, in der es Kleinere und Größere schon immer gegeben hat, wieder frei bewegen können, ohne sich allerorten „begleiten“ lassen zu müssen. Es geht nicht darum, „die Kinder von der Straße zu holen“, sondern im Gegenteil darum, die Straßen wieder so einzurichten, dass dort für Alle Platz ist.

Denn wenn eines Tages der Punkt erreicht wäre, dass Lausbuben- geschichten nur noch in der Literatur vorkommen, dann wäre die Gesellschaft alt geworden. Wenn die Erwachsenen Sorge tragen, dass Verwerter und Betreuer ihren Kindern nicht noch den letzten Platz und den letzen Rest ihrer… Zeit wegnehmen, dann tun sie vor allen Dingen sich selbst einen Gefallen: weil sie sich damit gegen das Verblöden rüsten. Kurz und gut, Kinder- und Jugendpolitik ist Kulturpolitik, nicht Wohlfahrtspflege.

Insbesondere erwartet der Kinderring Berlin e.V. daher folgende Schwerpunkte in der Kinder- und Jugendpolitik des Senats von Berlin:

1) Verkehrsberuhigung (nicht Verkehrsverhinderung) in den Wohngebieten

2) Ausbau des öffentlichen Nah- und Regionalverkehrs

3) Freie Fahrt für Kinder bis dreizehn im ÖPNV und drastische Ermäßigungen im Regionalverkehr

4) Erhalt des schulfreien Nachmittags

5) Sicherung wohlfeiler (wenn auch schlichter) Zeltlagerplätze in Berlin und der Mark Brandenburg (Sichtung der Berliner Stadtgüter in diesem Sinn!)

6) Erhalt und Ausbau des Netzes von Jugendherbergen im Osten Deutschlands

7) Erhalt des kostenlosen Zugangs zu den Berliner Museen bis dreizehn Jahre; generelle Einführung besonderer Kindergruppentarife (ab drei Kinder) in allen öffentlich geförderten Freizeit- und Bildungseinrichtungen

8] Steuerliche u. a. Anreize für Hausbesitzer in Altbaugebieten, die Hinterhöfe für den Durchgang zu öffnen

9) Öffnung der Laubenkolonien für die Öffentlichkeit

10) Förderung von Fahrraddepots und –ausleihen an den Endpunkten der S-Bahn

11) konsequente Sanierung aller Badeseen und Freibäder an den Flussufern

12) Öffnung aller See- und Flussufer für die Allgemeinheit, rigorose Entseilschaftung!

Generell fordern wir von der Verwaltung eine Abkehr von der Jahrzehnte langen falschen Priorität in der Kinder- und Jugendpolitik, wonach Personalkosten „wichtig“ und Sachkosten „nachrangig“ sind. Auch hier ist ein radikaler Perspektivenwechsel fällig. In allererster Linie muss es darum gehen, jungen Menschen Sachliches verfügbar zu machen, damit sie es sich aneignen. Erst in Hinblick darauf wird – u. U.! – Personal erforderlich, das sie in die angemessenen Aneignungstechniken einweist. Es soll nämlich niemand fachgerecht bedient werden, sondern junge Leute sollen die Gelegenheit finden, ihre eigene Welt zu erweitern. Da ist es allemal wichtiger, dass die Sachen zur Hand sind, als dass ein Betreuer im Nacken sitzt.

Kinderring Berlin e.V.

Berlin, den 16. 2. 1992

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~ von Panther Ray - November 4, 2008.

2 Antworten to “Dem Unfug Raum geben”

  1. Großartige Forderungen! Ich unterstütze den Kampf für eine freie Kindheit außerordentlich. Die Erwachsnen sind nur die pervertierten Überreste von kindlicher Lebensenergie. Es muss sich eine Kunst und Kultur entwickeln, die darauf abzielt, die Menschheit in eine Kindheit zu verwandeln, in der das Dionysische und das Appolinische miteinander verheiratet sind. Alle Erwachsenen müssen wieder gesund werden… Und erst wenn alle Menschen Kinder sind, kann es wirklich eine Höherentwicklung geben!

  2. Jeder Autor freut sich, wenn sein Artikel Zustimmung findet. Aber manche Zustimmung ist etwas sperrig, so wie diese.

    Ich habe anderswo (http://jochenebmeier.wordpress.com/anthropologie/) gezeigt, dass das Kindliche keine autonome Größe ist, sondern ein Residuum; etwas, das „zurückgeblieben“ ist, als sich die bürgerliche Welt anschickte, ‚erwachsen‘ zu werden. Um dem Kindlichen in jener Welt wieder den Platz zu verschaffen, der ihr zuträglich ist, sind gewisse zusätzliche Bedingungen erforderlich (siehe „Das Kind ist der Vaster des Mannes“: http://ebmeierjochen.wordpress.com/2008/10/09/das-mannliche-in-natur-und-geschichte-schluss-das-kind-ist-der-vater-des-mannes/); allerdings ist unsere Zeit dafür günstig.

    Ob ich wohl dazu auch Deine Zustimmung finde?

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